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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Fides Becker

Fides Becker – in ihrem Atelier mitten in Frankfurt

Eine Malerin mit Leib und Seele: „Ich lebe mit mir und meiner Welt in Einklang, wenn ich malen kann.“

Von Erhard Metz

Ein Bekenntnis, das bei vordergründiger Betrachtung Fesseln anzulegen scheint, in Wirklichkeit aber Freiräume eröffnet. Es passt zu ihr, die ihre Malerei mit präzisen Überlegungen und Skizzen vorbereitet, dann in eine Phase des Hantierens und Spielens mit den Materialien eintritt und anschliessend ihre Werke mit kompositorischem Verstand, Sinnlichkeit und Gefühl (den „Bauch“ mag sie keinesfalls ausschalten) sowie mit hoher handwerklicher Qualität so ausführt, dass sie sagen kann: Ja, das ist es.

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Eine gute, fundierte Ausbildung hat Fides Becker, 1962 in Worms geboren, durchlaufen: Städelschule in Frankfurt am Main, Academie van Beeldenden Kunsten Rotterdam, Hochschule der Künste Berlin. Renommierte Stipendien bereiteten ihr Wege unter anderem nach Amsterdam, New York und Salzburg. Weit über zwanzig Einzel- und Gruppenausstellungen bezeugen die Wertschätzung, die ihre Arbeiten im In- und Ausland geniessen. Viele ihrer Werke fanden bereits den Weg in private wie öffentliche Sammlungen.

Fides Becker schwimmt gegen den Mainstream. Man hat sie einen „Solitär in der zeitgenössischen Kunstszene“ genannt. Zu Recht.

Ihr Atelier liegt mitten in Frankfurt, unmittelbar am „Bauchnabel“ der Stadt: der Kleinmarkthalle. Im Vorderhaus ein sympathisches kleines Café. Das Atelier lichtdurchflutet, durchaus aufgeräumt, mit freundlichem Sitzmobiliar.

Wir treten ein und sind überrascht: Realismus und Traumwelt ineinander verschränkt. Visualisierte Galanterien. Motive wie Rokoko-Kronleuchter, gerüschte Reifröcke über Krinolinen, geplusterte Perücken, Pavillons und Tempelchen, Roccaillen an Wänden und Decken, das Schokoladenmädchen aus einem Wiener Caféhaus – Nostalgie? Nein. Ironie? Sicher ein wenig. Symbole für Verlust, Sehnsucht nach Unwiederbringlichem? Vielleicht schon eher, aber analysiert, decouvriert. Fides Beckers Spiel mit dem Ornamentalen, Dekorativen darf uns nicht verwirren: Es zerbricht das Schimmernde, reflektiert den (schönen?) Schein, baut auf Entlarvtem und Zerlegtem mit ausgewählten Elementen ein Neues, in Erinnerung wohl Erträumtes, vielleicht auch Vermisstes?

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Intensiv befasst sich Fides Becker mit dem Zusammenwirken unterschiedlicher Kulturen und dessen Auswirkungen: „Das ist für meine Malerei sehr wichtig, denn Kern meiner inhaltlichen Auseinandersetzung ist die Tradition unserer alltäglichen Kultivierung und wie sich diese in der Geschichte der Malerei, der Fotografie und in der Werbung manifestiert. Besonders interessant finde ich die Spannung zwischen dem Verlust alter Traditionen, was sowohl Befreiung, als auch Irritation bewirken kann, und den durch Migration hinzukommenden Kulturen. Für mich stellt sich die Frage nach dem Sinn von Traditionen heute, und ich greife die Sehnsucht nach Vergangenem und Zukünftigem und die damit verbundene empfundene Leere im Hier und Jetzt auf; die Vielfältigkeit von Möglichkeiten und das Vakuum durch das Wegbrechen allgemein gültiger Normen spiegle ich in meiner Malerei wider: Ich fragmentiere Alltagsszenen und überlagere auf verschiedenen Bildebenen Gegenstände, Landschaften, Figuren und Ornamente und mache damit die Faszination für Harmonie und Schönheit, Hoffnungen und Sehnsüchte und deren Fragwürdigkeit erfahrbar.“ Es geht Fides Becker um das Spannungsverhältnis zwischen Verlust und Befreiung, wobei das eine mit dem anderen untrennbar einhergeht. In und mit ihrer Malerei lebt – und hält – sie es aus.

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So verwundert nicht der Titel ihrer jüngsten, vor kurzem zu Ende gegangenen Ausstellung in der Kunsthalle Emden „Die Sehnsucht nach anderswo“. Bemerkenswert übrigens die gemeinschaftliche Förderung dieser Werkschau durch das Frankfurter Amt für Wissenschaft und Kunst, die Hessische Kulturstiftung und das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur Rheinland-Pfalz. Nicht minder bemerkenswert der Katalog, den man gar nicht mehr aus der Hand legen möchte, erschienen im Hatje Cantz Verlag.

Durchaus mittel- und grossformatig können ihre Bilder sein – gern greift sie auf das Oval zurück. Meist sind es Collagen, aus Leinwänden und Stoffen, die einzelnen Bahnen und Flächen penibel miteinander vernäht, die offenen, fransigen Kanten nach aussen gewendet, Narben gleich, die Zerrissenes, Zerschnittenes zusammenfügen, verheilen, ohne zu verbergen; aber auch zuvor nicht zueinander Gehöriges vereinen, und das Zusammenwachsen, die Synthese zum Neuen, sichtbar machen. Auffallend das grosse zeichnerische und malerische Können. Die Leinwände, die sorgsam ausgewählten Baumwoll- und Dekostoffe meist mit Acryl und Eitempera bemalt, die Farbpalette charakteristisch in rötlich-orangener-gelb-zartvioletter Dominanz, moderiert von verschiedem Blau und Grün.

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Ob die Bilder, die Motive, die pastellenen Farben feminin seien? „Nein“, sagt Fides Becker, „keineswegs. Jedenfalls nicht bewusst“. Die Farben stellen sich intuitiv, wie von selbst ein. Und die Motive, die Figurinen, überwiegend Frauen? Zweifellos setzt sich die Malerin immer wieder mit der Rolle der Frau auseinander, mit den Klischees des „typisch Weiblichen“. Auffällig auch das wiederkehrende Motiv des kleinen, chinesisch anmutenden Sonnenschirms. Verspieltes Accessoire? Ein Zitat, etwa nach Francisco de Goyas „Der Sonnenschirm“? Symbol für Vergangen-Dekadentes, für Behütung und Schutz, oder die Suche danach?

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Fides Beckers Malerei fordert auf ihre ganz eigene Weise den Betrachter heraus, sich mit dem Gestern und dem Heute auseinanderzusetzen und sich auf die Suche nach dem eigentlichen, für ihn wichtigen Jetzt zu begeben.

(© Fides Becker; Fotos: Horst Ziegenfusz)

⇒ ⇒ ⇒  „Mitternachtsblau“: Fides Becker bei Heike Strelow

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